So fern

(text: dirk raulf)

 

der himmel ist auch heute wieder heiter

die kirchenglocken läuten immer weiter

der nachbar hat seinen gehsteig gefegt

tränenkanäle trockengelegt

 

reiseprospekt vom vergangenen jahr

man weiß schon nicht mehr, wo man überall war

der teddybär hat seinen stammplatz im regal

sympathieträger, ganz klarer fall

 

der neue papst warnt vor intimitäten

die kühlschranktür trägt lustige magneten

der zimmerfarn hat ne stauballergie

die glotze läuft bis um vier in der früh

 

im bordeauxglas wird der rotwein sauer

in der wanne liegt ein hai auf der lauer

ein stück bonbonpapier vom karnevalswagen

ich sollte einfach mehr verantwortung tragen

 

ach ich wär, ach ich wär, ach ich wär so gern

mir und dir, dir und mir, mir und mir so fern

ach ich wär, ach ich wär, ach ich wär so gern

irgendwo auf einem möglichst weit entfernten stern

 

ein foto: inge auf der prag-klassenfahrt

sie sagt, sie hat sich ihre träume bewahrt

ich denk an meinen himmelblauen vw

ich war ganz wild auf inges quittengelee

 

der pizzarest fängt schon an, sich zu bewegen

wofür auch immer ihr seid, ich bin dagegen

mein pokémon frisst die träume seiner feinde

schon wieder post von der kirchengemeinde

 

spendenaufruf für sos kinderdörfer

mit neuer brille seh ich alles viel schärfer

steuerschätzung, brief vom mieterverein

und jedes jahr noch mehr scheiße am bein

 

die nachbarin stillt ihren säugling im garten

man sollte nicht zu viel vom leben erwarten

ich wollte mal auf eine südliche insel

und inge kriegt im kopf ein blutgerinsel

 

ach ich wär, ach ich wär....